CES: Ohne echte Trends, aber Business pur

Tech-Weiterentwicklungen und das Zusammenspiel verschiedenster Trends prägten die diesjährige CES. Inwiefern auch unbekanntere Marken – speziell von der Messe vor der Messe – profitieren und ob die Aussteller:innen das Potenzial von Content und Influencer Marketing für sich nutzten, liest du im Beitrag.

Vom AI-Kühlschrank-Unternehmen über den Flugtaxi-Provider bis zu Digital Health-Gründer:innen sind alle vor Ort, wenn der Las Vegas Strip zwischen Russell Road im Süden und Sahara Avenue im Norden für eine Woche zum Nabel der Welt der Consumer-Electronics-Branche wird. Bei der CES treffen 140.000 Besucher:innen auf 4.000 Austeller:innen. Der Big Player, der ganze Hallen belegt, ebenso wie das Startup der Singapore University an Gemeinschaftsständen. Das alles in den Messehallen und Expo Centern, aber auch in den Suiten der Entertainment-Hotels mit den legendären Adressen Bellagio oder The Venetian. Dazu die deutliche Ansage der CES: „Touristen bleiben draußen“. In diesem Mix liegt der Reiz der CES. Und sind wir ehrlich: Auch der Ruf der Stadt mit dem Claim „What happens in Vegas, stays in Vegas“ trägt zum Erfolg der CES bei.

Das Las Vegas Convention Center lud erneut zur CES, © Michael Frohoff
Das Las Vegas Convention Center lud erneut zur CES, © Michael Frohoff

Weiterentwicklungen und das Trendzusammenspiel prägen die Messe

Der große Hingucker der CES 2024 ist allerdings nicht in den Hallen zu finden, sondern draußen. Das meistfotografierte Gadget der CES ist „The Sphere“, die neue Entertainment-Kugel am Strip.

Das ist bezeichnend, denn der Megatrend der Branche bleibt aus. Natürlich ist KI das Thema der Stunde und in allen Bereichen. Ohne KI-Sticker wirkt man schon fast retro. Es wird deutlich, dass sich die Branche schon lange mit der KI-Integration beschäftigt und bereits umsetzt, weit vorm ChatGPT-Hype für jedermann. So sind es vor allem erwartbare Weiterentwicklungen, die die diesjährige CES dominieren: Metaverse, autonomes Fahren, Gamification, Sustainability, Robotik und Digital Health bleiben die bestimmenden Themen.

Möchte man sich unbedingt auf einen Megatrend festlegen, dann ist es das Crossover der Trends: Siemens steigt in das Industrial Metaverse ein und bildet alle industriellen Prozesse dort ab. L’Oreal treibt den Bereich Beauty-Tech voran und gibt mit der Keynote von CEO Nicola Hieronimus den Ton der CES vor. Helm.ai beschleunigt mit KI die Entwicklung im autonomen Fahren. Für Digital Learning oder Digital Health schaut man sich die Usability aus Games oder Innovationen in der Robotik ab. Es kommt nun tatsächlich alles connected.

Auch kleine Marken kommen in Sachen Marketing und PR zum Zug

Vor allem aber ist die CES eine weltweite Marketing-Maschine. Wer hier seine Produkte in Szene setzt und seine Innovationen als Premiere exklusiv präsentiert, kann rund 7.000 Journalist:innen aus aller Welt erreichen. Wie bei allen Messen dieser Art starten die Pressetermine bereits drei Tage vor der eigentlichen Eröffnung. Alle wollen die Ersten sein – die Marken mit ihrer Botschaft ebenso wie die Medien mit den neuesten Produktvorstellungen und Trend-Reports. Ein guter Umschlagplatz ist hier die Pepcom. Am Tag vor der Eröffnung können sich Marken auf dieser Messe in der Messe einen Stand kaufen und kompakt innerhalb von zwei Stunden die gesamte weltweite Presse „abgreifen“. Das ist übrigens eine Initiative von Journalist:innen für Journalist:innen. Geeignet vor allem für diejenigen Marken, die die zusätzlichen Kosten tragen können, aber nicht genug Strahlkraft besitzen, um im Termindruck gegenüber den Pressekonferenzen der großen Namen zu bestehen.

Eine weitere Möglichkeit für unbekanntere Marken sind die von der Messe organisierten Presserundgänge, allerdings muss man sich hier ebenfalls einkaufen. Oder man schafft es, einen Celebrity an den Pressetagen an seinem Stand zu haben, der das Produkt vorstellt. Und die gute alte Einladung zum Dinner oder zu Drinks funktioniert immer noch. Hier helfen Ortskenntnisse, um in angesagte Restaurants in den Szenehotels einzuladen. So trafen sich auch einige Top Marketer zum separaten Summit im nagelneuen, stylishen Fontainebleau-Hotel.

Content- und lnfluencer-Relations-Potenzial bleibt ungenutzt

Sträflich vernachlässigt werden von vielen Aussteller:innen auch dieses Jahr Strategien und Maßnahmen rund um Content Production und Influencer Relations im Rahmen der Messe. Sales-Leute scheinen immer noch nicht den Sinn von kreativem Marketing verstanden zu haben, obwohl das gar nicht teuer sein muss. Mein Tipp für die Sales Force: Dreht zehn kurze Videos, wie die Produkte am Stand von Einkäufer:innen ausprobiert werden, stellt diese möglichst in Echtzeit zur Verfügung und prompt ist im täglichen Wrap-Up-Video der Einkäufer:innen euer Produkt gleich auf LinkedIn, Instagram oder TikTok platziert. Ob ProSieben oder der Endgagdet Blog – alle brauchen gute Bilder. Und diese gilt es zu inszenieren. Manchmal sind es dabei Kleinigkeiten am Standdesign, die darüber entscheiden, ob sich ein Produkt aufmerksamkeitsstark für Social Media oder Presse visualisieren lässt.

Manche Produkte werden so dargestellt, dass ihre Features direkt ins Auge stechen, © Michael Frohoff, Smartphone im Wassertank
Manche Produkte werden so dargestellt, dass ihre Features direkt ins Auge stechen, © Michael Frohoff

Gerade in Las Vegas, einer Stadt mit einer einzigartigen Kombination aus Entertainment und Marketing, sollte man keine langweiligen Auftritte hinstellen – wie leider beim Messestand Deutschlands geschehen, der vermutlich seit den 80er genutzt wird. Stattdessen sollten Unternehmen ‚big‘ gehen. Big heißt nicht unbedingt 30 Millionen US-Dollar Kosten, die Gerüchten zufolge einigen Top-Marken investierten, sondern Attitude: „Let’s make money“, dazu eine Portion Größenwahn – das ist der typische US-amerikanische Ansatz. Davon sollte sich der Auftritt eines Unternehmens oder einer Marke bei der CES leiten lassen.

Ein letzter ganz persönlicher Tipp: Jede:r bei der CES ist im Business, nur sehen viele nach deutschen Gesichtspunkten oft nicht danach aus. Also Achtung, der Typ mit dem Greenbay Packers Shirt und Sneakers ist gegebenenfalls der Inhaber des größten Distributers der Westküste.

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